Neue Tagung in Torgau. Was ist zu erwarten?




Förderverein Europa Begegnungen e.V. über

„Das Einzelne und die Wirklichkeit“

Der Artikel informiert über die bevorstehende Tagung des Förderverein Europa Begegnungen e.V. Sie finden folgend Themen und Namen der Vortragenden vermerkt. Zusätzlich teilen wir Inhalte aus den Redebeiträgen mit.

Der Berliner Philosoph Peter Sloterdijk (geb. 1947) ist einer der exzellentesten Denker unserer Tage. Vielen wird er durch seine früheren TV-Auftritte im „Philosophischen Quartett“ bekannt sein. Mit seiner streitbaren, stets überraschenden Sprachlichkeit interveniert er bei Politikangelegenheiten:
„Philosophie ist der gute Wille der Dummheit zu schaden“ ist einer der Leitsprüche Sloterdijks. So lautet das Thema seines Redebeitrages zur Tagung: „Der Stoff aus dem die Träume von Gesellschaft sind. Anmerkungen zu dem alten Thema, die Einzelnen und das Kollektiv.“

Der bekannte Dresdner Soziologe Werner J. Patzelt (geb. 1953) wird sich auf der Tagung des Vereins dem Thema „Situative Wirklichkeitskonstruktionen und ihre gesellschaftlichen Folgen“ widmen. Dabei geht er davon aus, dass zwei Perspektiven einander gegenüberstehen: „Der Einzelne in der Gesellschaft“ und „Die Gesellschaft im Einzelnen“. Er mailte uns: „Natürlich bauen schon Ameisenstaaten und Vogelschwärme eine jeweils gemeinsame Wirklichkeit auf. Erst recht tun das Menschen, die noch viel komplexere kulturelle Muster hervorbringen, erkennen, reproduzieren, in Geltung halten, weitergeben oder verändern können. Einfach formuliert, geschieht das so: Von der steinzeitlichen Jägerhorde bis zum Wahlkampfteam einer heutigen Partei stellt man einander wechselseitig dar, welche Wirklichkeitsbeschreibungen man für das praktische Handeln hier-und-jetzt sinnvollerweise zugrunde zu legen erachtet.“

Christian Pieter Hoffmann, Soziologe in Leipzig (geb. 1978) wird den Teilnehmern an der Tagung erläutern „Wie politische Standpunkte unsere Medien prägen“. Eine bedeutsame Rolle dabei spielt auch die Wahrnehmung von politischen Einseitigkeiten in der Medienberichterstattung. Der Soziologe wird aktuelle Erkenntnisse zu politischen Einstellungen im Journalismus beleuchtet.

In einigen Beiträgen, passend im Besonderen zu denen der Soziologen, überreichte uns der Münchner Kunstmaler Otto von Kotzebue (geb. 1936) die hier in Reihe gebrachten und abgebildeten „Klecksbilder“.
Werfen Sie einen Blick darauf! Jetzt testen Sie sich einmal selbst, in welcher Folge Sie die Bilder aneinander reihen würden.



Foto: Förderverein Europa Begegnungen e.V.


In seinem Redebeitrag auf der Tagung wird der Künstler Kotzebue fragen: „Was braucht ein Mensch, um glücklich zu sein?“ In seinen Antworten, welche er den Tagungsteilnehmern (zum „Glück“) vorschlagen wird, taucht folgende Ideenfülle auf:
„Einen Stuhl im Schatten, einen Cafe coretto und eine Zeitung. Etwas Regen im Sommer. Im Winter ein Buch, Erinnerung und Musik.
Kumuluswolken, leuchtend im Sommerlicht – hohe Zirruswolken im goldenen Herbst – den blauen Himmel über den Schnee im Winter – den weichen Wind des Frühlings am Ende.
So könnte es weiter gehen, bald wäre ein Fahrrad dabei und eine Katze.
Ein Langstreckenlauf sei unser Leben. Mit Hindernissen versehen.
Die Strecke ist uns unbekannt. Der Langeweile folgt mitunter Schwäche, schweres Wetter. Doch irgendwann nach einer Biegung erscheinen neue Horizonte, andere Blicke, hellere Momente. Nah und fern erwartet uns, es ist zu hoffen: Ein Platz vor der Manege, dann vielleicht im Zirkuszelt des Lebens.“

Die Theologin Athina Lexutt (geb. 1966) aus Gießen war bereits in der vergangenen Tagungsserie unseres Vereins zur Reformation mit mehreren Beiträgen vertreten. Aktuell wird sie über den Anspruch von Theologie sprechen: „Zwischen Wahrheit und Wirklichkeit - Mit welchem Anspruch Theologie von morgen gestaltet werden kann“.
Sie merkt an: „Ob Kirche und Theologie heute noch eine Relevanz haben oder nicht – diese Frage scheint längst entschieden. Die postmoderne Gesellschaft ist säkular, und alles, was mit Religion zu tun hat, ist Privatsache, Sache des Einzelnen. Religion, Theologie und Kirche sind vor allem dann, wenn sie aus diesem privaten Bereich heraustreten und öffentlich werden, wenn sie Deutungskraft beanspruchen, Einfluss nehmen wollen und von Wahrheit reden, suspekt und dem Verdacht ausgesetzt, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, um mit der Wahrheit des Einen die Wirklichkeit der Vielen erschlagen zu wollen. Doch was ist dran an solchen Vorurteilen?“
Im Vortrag wird dann argumentiert, dass Religion, Theologie und Religionsgemeinschaften sehr wohl eine Zukunft haben und mit dem Anspruch auf Wahrheit, Wirklichkeit konstruktiv gestaltet werden können.

Claus Scharf (geb. 1938) ist Historiker. Er wird sich mit einer Episode der Torgauer Geschichte beschäftigen; „Torgau im Oktober 1711 als Erinnerungsort: Die erste Begegnung zwischen Peter dem Großen und Leibniz“.
Er ließ uns bereits wissen: „Einig waren sich Philosoph und Zar im Interesse an einer gleichberechtigten Einbeziehung Russlands in das vom Wiener Hof und England dominierte europäische Allianzsystem gegen Frankreich und das Osmanische Reich sowie am Ausbau eines staatlichen Bildungssystems in Russland unter einer nichtkirchlichen Spitzeninstitution für Wissenschaften und Bildung. Leibniz sah „zum Nutzen des ganzen menschlichen Geschlechts“ in Russland sogar eine neue Heimat der Wissenschaften, erhoffte über Russland eine Verbindung zwischen den Wissenschaften in Europa und China.“

Der Stuttgarter Hermann Haken (geb. 1927) ist ein bekannter Physiker und Gelehrter unserer Tage, Tagungs-Thema: „Synergetik: Zusammenwirken schafft neue Qualitäten.“ Seine diesbezüglichen Mitteilungen an uns lauten: „Sowohl im täglichen Leben als auch in der Wissenschaft haben wir es mit Systemen zu tun, d.h. Ganzheiten aus einzelnen Teilen. Die Synergetik - die Lehre vom Zusammenwirken – befasst sich mit dem Verhalten der einzelnen Teile innerhalb der Gesamtheit, insbesondere wie durch Selbstorganisation geordnete Strukturen oder sinnvolles Verhalten entstehen.
Die Synergetik hat ein System von Begrifflichkeiten entwickelt, die auf ein weites Spektrum von Phänomenen in der belebten wie auch unbelebten Welt anwendbar sind.“

Aus Bern wird der Psychologe Wolfgang Tschacher (geb. 1956) anreisen. Im Anschluss an Hermann Haken wird er zu: „Synergetik in der Psychologie“ vortragen und mitteilen, warum das für ihn als Psychologen interessant ist.
Er ist der Meinung, dass alle psychischen Vorgänge in ihrer körperlichen Einbettung zu sehen sind, und dass sich Psyche und Körper wechselseitig beeinflussen. Synchronie bedeutet, dass sich Menschen, die miteinander in Bezug stehen, in der Regel auch körperlich synchronisieren: Interaktionspartner passen sich hinsichtlich ihrer Bewegungen, Gestik, Körperhaltung, ja sogar bezüglich der Physiologie aneinander an, meist ohne dies zu bemerken. Synchronie ist für die Sozialpsychologie und Therapieforschung durchaus ein Thema.

Abschließend noch einige weitere Informationen:
Torgaus Oberbürgermeisterin Romina Barth wird die Tagung mit einem Grußwort eröffnen.
Uwe Niedersen leitet die Veranstaltung an beiden Tagen.
Die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden wird die Ergebnisse der Tagungsserie aufnehmen, als Buch drucken lassen und sachsen- bzw. deutschlandweit verbreiten.
Die Tagung des Förderverein Europa Begegnungen e.V. „Das Einzelne und die Wirklichkeit“ findet in Torgau, Rathaus, am 1. und 2. Oktober 2021 statt. Das Programm zur Veranstaltung wird in den nächsten Tagen in der Torgauer Zeitung veröffentlicht.
Interessierte an der Tagung wollen sich bitte ab sofort melden: Schlossstraße 19, 04860 Torgau, Tel.: 03421 715647, E-Mail: ostwest@online.de

Dr. Uwe Niedersen
Vorstand Förderverein Europa Begegnungen e.V.