75 Jahre Elbe-Begegnung (Teil 2)


Eine große Symbolik und wie Torgau das Interesse von Jerusalem weckte





In einer vierteiligen Serie setzt sich Dr. Uwe Niedersen, Vorstand im Förderverein Europa Begegnungen, anlässlich
ihres 75. Jahrestags mit der Elbe-Begegnung auseinander. Seine These: Torgau bleibt sowohl in der Innen- als auch in der
Außenwirkung deutlich unter seinen Möglichkeiten. Niedersen zeichnet innerhalb der Serie eine Blaupause, auf deren
Grundlage ein besseres Torgau entstehen kann.





Die furchtbare Situation „Leichenfeld von Lorenzkirch“ und die Einzel-Blicke des Soldaten Polowsky darauf wurden durch den Kunstmaler Otto von Kotzebue im März 2020 mittels einiger Aquarelle nachempfunden.


Torgau. Nun aber wieder zurück zu dem oben begonnenen Thema. Mitteilen möchte ich hier, dass sich bei mir spontan, ausgelöst durch die schrecklichen Bilder und dem Nachdenken darüber, wie Symbole bei Menschen wirken, persönlich eine gedankliche Verschleifung aufgebaut hatte.
Mit den Namen Anne Frank, Tanja Sawitschewa und dem unbekannten Mädchen mit der Puppe, das den Soldaten Polowsky aus Chicago so ergriffen hatte, kamen mir als Schreiber dieses Artikels plötzlich die Städtenamen Jerusalem, St. Petersburg und Chicago in den Sinn. Die Geschichte und die Symbolik von drei kleinen Mädchen trat über Städtenamen in mein Bewusstsein. Es drängte mich plötzlich dahin gehend, das Allgemein-Symbolische um die kleinen Mädchen mit den Namen derzeitiger Städte zu verbinden.

Interesse an Torgau



Anne Frank verband sich bei mir umgehend mit Jerusalem, Tanja Sawitschewa mit St. Petersburg, über den Soldaten Polowsky, der das am Boden liegende Mädchen mit einem Blick verinnerlichte, kam mir Chicago in den Sinn.
Torgau – Jerusalem, etwas beinahe Vergessenes kam des Weiteren wieder zum Vorschein. Es kam nämlich die Erinnerung zurück, dass der damalige Architekt des Torgauer Begegnungsdenkmals Abraham Milezkij, der, welcher uns aus Israel kommend zum Elbe Day im Jahr 2000 besuchte, einen Einladungsbrief seines Bürgermeisters an den Bürgermeister unserer Stadt Torgau überreicht hatte.
Ich dachte bei mir so: Jerusalem hat Interesse an Torgau! Heute ist zu fragen: Haben die beiden anderen genannten Städte, Chicago und St. Petersburg, auch Interesse an Torgau?
Während der Arbeiten in unserem Verein zur Vorbereitung des nunmehr leider ausgefallenen 75-jährigen Elbetreffens (Elbe Day) führten und führen uns fortlaufend Kontakte und Anfragen nach Chicago, in die Stadt, in welcher Polowsky einst lebte. Alles, was wir bisher aus Chicago – zum Beispiel bezüglich unserer Recherchen zu Polowskys Werk „Principia“ von berühmten und weniger berühmten Amerikanern und anderen Leuten, von Journalisten, ja, bis hin zum Sohn des schon verstorbenen Nobelpreisträgers Saul Bellow (5. 4. 2005 †) aufgenommen haben –, zeigt bei denen dort immer wieder ein deutliches, freundliches Interesse an Torgau.
Schließlich ist es der Kontakt des Fördervereins Europa Begegnungen e. V. nach St. Petersburg, die einstige Stadt der kleinen Tanja Sawitschewa, der uns mit einem Cranach-Torgau-Thema zur berühmten Ermitage hinleitete und zwar zu dortigen Fachleuten, zu Kunst-Malern und zu Kunst-Kennern.
Auch bei denen: ein waches Interesse an Torgau.
Es sind das russische St. Petersburg, das amerikanische Chicago, das israelische Jerusalem, ausgelöst durch Polowskys Ein-Blick-Begegnen mit dem im Leichenfeld von Lorenzkirch darniederliegenden Mädchen mit der Puppe, das im Förderverein Europa Begegnungen e. V. anhaltend für Betroffenheit, tiefe Nachdenklichkeit und auch für rege Diskussionen sorgt.
Über das Interesse der genannten Städte an Torgau und über die damit verbundenen Möglichkeiten und entstehenden Probleme für uns hier vor Ort, soll in einem folgenden Teil des Artikels befunden werden. Jetzt wollen wir aber erst einmal das Neue bei Joseph Polowsky festhalten und wiederholend nennen, damit es nicht so schnell vergessen wird:
Es sind nicht allein die zahlreichen internationalen Aktionen für den Frieden, die wir bei Polowsky zu bedenken und zu würdigen haben.
Nein, das wäre zu wenig!
Wir haben als Förderverein Europa Begegnungen e. V. im Lebenswerk Joseph Polowskys neue Qualitäten entdeckt.
Senator Paul Simon aus Chicago (Illinois) scheint der Erste gewesen zu sein, der mittels seiner Äußerungen den wahren Joseph Polowsky, den mit der ausgeprägten osteuropäischen Gefühlskraft, der Öffentlichkeit vorstellte. Die Polowskys entstammten dem russischen Zarenreich.
Wir fragen genauer nach der Gefühls- und Gedankenwelt des Joseph Polowsky und suchen Antworten:
Polowsky fand über seine angelegte ethische Einstellung und über sein humanistisches Weltbild zu einem bewussteren, ja, aktiverem Menschsein. Und das schon während des grausam wütenden Krieges, in welchen er sich als Soldat Tag für Tag hineinzustellen hatte.
Er war Vertreter einer „tätigen Ethik“. Der Gedanke vom ewigen Frieden und der dem Menschen gegebenen Vernunft sowie der Versöhnung mit dem jeweils Anderen blieben bei ihm auch während des Soldatseins angelegt. Für Polowsky war das kleine Mädchen mit der Puppe inmitten des Leichenfeldes von Lorenzkirch, nahe Torgaus, ein mitfühlendes, symbolisches Bild für alle die kleinen Mädchen, die mit einer Puppe in der Hand starben.
Das ist die besondere Botschaft, die uns Joseph Polowsky hinterlassen hat. Das Mädchen mit der Puppe nimmt den Millionen zivilen, namenlosen Toten des Zweiten Weltkrieges die Anonymität. Das
Mädchen mit der Puppe setzt den Opfern des Krieges ein Denkmal gegen das Vergessen.

Verbindende Erzählung



Es könnte diese Erzählung sein, die uns von Torgau aus mit den Menschen in St. Petersburg, in Chicago und in Jerusalem zusammenrücken und Gemeinsamkeiten entdecken lässt.
Wie gesagt, in einem folgenden Teil des Artikels wäre eine konkrete Frage zu beantworten: Kann und sollte eine, obgleich auf geschichtsträchtigem Boden stehende und an einem Fluss gelegene, aber eben eine kleine Stadt, wie Torgau, auf jene genannten, in jeder Hinsicht komplexeren Städte reagieren?
Damals, im Jahr 2000 kam die Jerusalem-Einladung für uns zu früh. Der Torgauer Bürgermeister, Wolfgang Gerstenberg, hatte seiner Zeit, ich meine zu Recht, vorerst keine diesbezüglich weiteren Schritte eingeleitet. Wir waren einfach noch nicht soweit.

Lesen Sie im nächsten Teil, warum Torgau inzwischen durchaus im Konzert der Großen mitspielen kann.

Anne Frank
12. 2. 1929–Febr./März 1945

Foto: https://abi.unicum.de/aktuelles/news/anne-frank-bestefreundin-jacqueline-van-maarsen



Tatjana Sawitschewa
23. 1. 1930–1. 7. 1944

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