Torgau.
Wie war das nun mit der Einladung der Stadt Jerusalem an die Torgauer?
Noch einmal:
Der ukrainisch-jüdische Architekt des Denkmals der Begegnung, Abraham Milezkij, der während des Elbe Days im Jahr 2000 in Torgau weilte, hatte einen Einladungsbrief aus Jerusalem mit sich geführt und unserem Bürgermeister übergeben. In dem Schreiben aus Jerusalem ist zu lesen: „Wir senden Ihnen und den Einwohnern der Stadt Torgau herzliche Grüße aus Jerusalem. Wir hoffen an die Herstellung der freundlichen Verbindung zwischen unseren Städten im Namen des Wohlstandes – heute und in der Zukunft.
Mit freundlichen Grüßen
Ehud Olmert
Bürgermeister der Stadt Jerusalem“.
Um einen stadtweiten Denkprozess anzustoßen, haben wir uns im Förderverein Europa Begegnungen e. V. die Frage gestellt:
Sind wir in Torgau heute überhaupt in der Lage, eine solche internationale Bühne zu betreten? Eine überzeugende Antwort darauf scheint nicht sofort bei der Hand zu sein.
Ich persönlich möchte aber antworten: Wir sollten schon!
Internationalität ist ja für Torgau nicht neu. Fest steht, wenn wir in Torgau Neuartiges bewegen wollen, dann müssen wir weiter bereit sein, neben dem Alltäglichen auch das auf den ersten Blick „Unmögliche“, das schier „Unerreichbare“, zu bedenken.
Kurzer Rückblick
Lassen Sie uns zusammen auf die Suche nach einem noch besseren Torgau gehen! Konkret: Gibt es in Torgau etwas, wofür sich die Städte Jerusalem, Chicago, St. Petersburg interessieren könnten?
Ja, natürlich!
Schauen wir kurz zurück: Vor dem Krieg, im preußischen Torgau, waren, neben dem Schloss Hartenfels, das Auszugsfest der Torgauer Geharnischten sowie das hier stationierte (preußische) Reiterregiment, zehn Höhepunkte auch überregional mit dem Namen unserer Stadt verbunden.
Bis heute bekannt ist der Torgauer Marsch. Von der Herkunft ein sächsischer, von der Funktion her ein preußischer Marsch. Er gehört zum nationalen Kulturgut.
Wir, die wir heute im sächsischen Torgau beheimatet sind, neigen übrigens nicht dazu, unsere preußische Zeit zu missachten. Zu uns gehören auch Friedrich der Große und die Schlacht bei Torgau 1760 sowie Friedrich Wilhelm III. und die Festung Torgau, die nach der Neupreußischen Manier erbaut wurde, so um 1850.
Es ist doch für Torgau komfortabel, die frühe sächsische, dann die preußische und nun wieder die sächsische Karte spielen zu können!
Ja, wir sind sächsisch und „fromm“ dazu. Viele im christlichen, andere im weltlichen Sinne.
So sind wir!
Wenden wir uns der Gegenwart zu: Heute, viele Torgauer haben es ja im Ausland immer wieder mitgeteilt bekommen, wird beim Nennen unseres Städtenamens an die Begegnung von Sowjets und Amerikanern gedacht. Wir wurden also in jüngster Vergangenheit durch den Elbe-Hand-schlag, auch ohne unser direktes Zutun, längst international wahrgenommen.
Mehr als ein Handschlag
Der Fakt „Elbe-Begegnung“ war es ja auch, der Jerusalem auf Torgau blicken ließ. Ein Nachdenken über Torgau mit Blick auf einen Verbund mit Jerusalem, St. Petersburg und Chicago muss aber in der ganzen Weite der Stadt erfolgen, d.h., über die Elbe-Begegnung hinaus.
Torgau ist mehr als ein Handschlag.
Es ist der ganze, der historische und der aktuelle Torgau-Bestand zu berücksichtigen.
Wenn wir bei einem solchen Nachdenken über Torgau auf das Vorhandene unserer heutigen Stadt schauen, dann gibt es den Bereich (A), die Wirtschaft und den Bereich (B), die Kulturgeschichte. Was in den genannten Bereichen wäre wohl aktuell beachtenswert, also deutlich denkwürdig?
Das ist wiederum eine nur schwer zu beantwortende Frage, weil man bei einem Aufzählen von wichtigen Kennzeichnungen Torgaus, also solchen mit internationalem Ausgriff, garantiert einige vergisst. Die, welche vergessen werden, sind zurecht enttäuscht.
Sagen wir es vielleicht so:
Weil wir einst Garnisonstadt waren, besitzen wir bis zum heutigen Tag ausgeprägte, traditionsreiche Handwerkszweige, welche damals mit Grundlage für weitere Firmen-Ansiedlungen waren.
Und, weil wir in Torgau eine gesunde, erfreulich umfassende Vereinslandschaft haben, diese auch längst mit Auslandskontakten versehen ist, können wir darüber nachdenken, mittels einiger geeigneter Torgau-Themen mit Jerusalem, Chicago, St. Petersburg eine Internationalität zu versuchen, welche uns freilich so manches abverlangen würde.
Im Folgenden seien einige institutionelle und vereinsorganisierte Einrichtungen genannt: Das sind etwa die Sportvereine, städtische Historiker im Geschichtsverein und das Museum, auch zahlreiche Kultur- und Freizeitvereine mit engagierten Mitgliedern, auch der Förderverein Europa Begegnungen e. V. und der Ost-West Verein zur Förderung internationaler Wirtschaftskontakte e. V., weiter die Johann-Walter-Kantorei, eine Stadt-Big-Band, eine eigene Tageszeitung sowie natürlich die verschiedenen Schulen, auch andere Institutionen und Verbände, viele medizinische Einrichtungen, ein Kreiskrankenhaus auf hohem Niveau und überhaupt die Menschen hier und deren Gastfreundschaft. Wir denken in dieser Phase eines ersten Abwägens ausdrücklich nicht an Städtepartnerschaften!
Kreisen wir die Sache doch weiter ein und fangen zu fragen an: Was sollte im wirtschaftlichen Bereich (A) innovativ und international bedeutsam sein?
Beim ersten kurzen Nachdenken fällt einem das Lehr- und Versuchsgut Köllitsch und die Forschungsstätte Adelwitz Technologiezentrum GmbH ein; auch Saint-Gobain Glass Flachglas Torgau GmbH, AVANCIS GmbH, Torgauer Maschinenbau GmbH und die Villeroy & Boch AG. Des Weiteren, würde ich sagen, ist es der durch den Landrat Kai Emanuel gerade in den Blick genommene „Glas-Campus“, welcher Fahrt aufnehmen wird. Es ist auch der bevorstehende Beitritt der Stadt in die internationale Gruppierung „Liberation Route Europe“ (Europa-Befreiungsroute), über einen Vertrag, den die Oberbürgermeisterin Romina Barth für Torgau unterzeichnen wird.
Tourismus ist ein Wirtschaftszweig der Stadt. Unser TIC ist damit beschäftigt. Entschuldigung, wenn vieles unangezeigt bleibt. Ergänzen Sie bitte selbst. Was den angesprochenen kulturellen Bereich (B) betrifft, so können wir von Torgau aus locker mit mehreren Themen einen Ausgriff in die Weltgeschichte vornehmen.
D. h., wir erreichen (mitunter bereichernd) mit den historischen Torgau-Denkmalen und -Bauten und den dazugehörigen städtischen Geschichtsfeldern (zumindest partiell) solche Städte wie Jerusalem, St. Petersburg und Chicago.
Beitrag zur Weltgeschichte
Neben der Elbebegegnung ist hierbei die Lutherische Reformation zu nennen, welche ja Sachsens Beitrag zur Weltgeschichte darstellt. Mit Torgau, dem politischen Zentrum der Lutherischen Reformation, sind wir weltweit bedeutsam. Ob wir allerdings mit dem Reformationsthema hinreichend international vernetzt und weltweit wahrgenommen werden, ist leider zu bezweifeln. Wir haben momentan keine Personengruppe in Torgau, die, was die internationalen Forschungen zur Renaissance- und Reformationsstadt Torgau betreffend, nicht nur nicht auf dem Laufenden ist, vielmehr haben wir auch in der Stadt keine ständig arbeitenden Fachkenner, die den entsprechenden Torgauer Beitrag in die große wissenschaftliche Gemeinschaft bzw. in die internationalen Journale unterzubringen fähig wären.
Gesamtdeutsche Aufmerksamkeit wurde uns mit der Deutschen Einheit von außen deutlich für die Einrichtung „Jugendwerkhof“ geschenkt, und es wurde Fachpersonal für das Thema „Wehrmachtsgefängnis“ eindelegiert.
Also muss hinsichtlich der Bereiche Reformation bzw. der Lutherischen Kirche im Verbund mit dem Kurfürstlichen Staat sowie den Renaissance-Bauten das Torgauer Stadtfest „Luthers Kirchweihe“ (Torgau leuchtet) eine jährliche Zielorientierung sein.
Torgau ist reicher!
Und das ist wirklich wichtig! Auf der Basis Torgau, das politische Zentrum der Lutherischen Reformation, sind wir weltweit der einzige Ort, welcher Glaube und Macht, Religion und Politik, Weltliches und Geistliches, übrigens mit dem Schloss Hartenfels und seiner Kapelle, quasi zum Anfassen, miteinander verschleifen. Das Schloss Hartenfels ist eine Gottesburg. Das Wort gehört zu der Gruppe der Alliance-Begriffe, und diese werden international als Sonderheit längst diskutiert.
Bei einem Zusammengehen von Landratsamt (mit Beziehungen nach Dresden) und der Stadtverwaltung sowie der evangelischen Kirchgemeinde Torgau und mit einem oder vielleicht zwei Torgau-Vereinen, die mit diesem Thema den Ausgriff in die „Große Geschichte“ in ersten Schritten vollzogen haben, ergeben sich Möglichkeiten, vorn „mitzuspielen“.
Ich meine sogar, wir haben für derlei Außenauftritte ein weit gefächertes und zugleich ein noch nicht voll und ganz genutztes städtisches Potenzial.
Torgau ist reicher!
Im letzten Teil der Serie lesen Sie über Eigenständigkeiten als Basis für ein besseres Torgau.